Graphisoft

Weiterbauen am Denkmal

Die Sanierung des Rathauses Meißen Baarß+Löschner Architekten BDA

Eine komplexe Operation: Zunächst Spurensuche nach einem ursprünglichen, authentischen Gesicht, an dem der Zahn der Zeit nicht nur erheblich genagt, sondern auf dem sich auch die wechselnden Geschmäcker und Moden unzähliger Jahre tief eingegraben haben – dann die Wiederherstellung der vergangenen Schönheit inklusive sensiblem Lifting. Natürlich befinden wir uns nicht in der Praxis eines Schönheitschirurgen, sondern im Büro unseres Kunden Baarß+Löschner, FREIE ARCHITEKTEN BDA in Radebeul, und bei dem »Patienten« handelt es sich um das spätgotische Rathaus in Meißen.

Als Baarß+Löschner im Jahre 1994 von der Stadt Meißen mit der Sanierung des Bauwerkes beauftragt wurden, befand es sich innen wie außen in marodem Zustand. Starke Schäden an der historischen Bausubstanz waren durch zum Teil ungeschickte Einbauten und Verbauungen vor allem im 18. und 19. Jahrhundert entstanden; die Arbeitsplätze der rund 70 Mitarbeiter der Stadtverwaltung entsprachen ebenso wie die sanitären Anlagen längst nicht mehr dem Standard. Sichtbarmachung und Sanierung der Originalsubstanz von 1480, die Schaffung guter Arbeitsbedingungen für die im Rathaus Beschäftigten und die Wiederherstellung des großen Saales als Veranstaltungsraum für circa 200 Besucher, so lauteten die Maßgaben der Sanierung, die Ergänzung von Gebäudeteilen in nicht historisierender, zeitgemäßer Formensprache ausdrücklich erlaubten.
Eher spärlich die Materiallage, auf Grundlage derer Baarß+Löschner den Originalzustand des Rathauses hätten rekonstruieren können. Entscheidende Erkenntnisse hingegen förderten die Bauarbeiten, die von Bauforschern begleitet wurden, zu Tage. Spektakulärste Entdeckung in diesem Zusammenhang war sicher der vierte Bogen in der Mittelängswand, der bei der Entfernung des Putzes unerwartet sichtbar wurde. Bekannt waren bis dato nur drei Bögen, getragen von achteckigen Sandsteinsäulen, unter denen sich ursprünglich eine offene Markthalle befand. Die offene, sechseinhalb Meter hohe Halle wurde nicht wieder hergestellt, vielmehr blieb man bei der Ende des 16. Jahrhunderts vorgenommenen Aufteilung in verschiedene Räume auf zwei Geschossen.

Bei der Entkernung des Gebäudes, dessen ehemals großzügige Struktur durch veränderte Nutzungen quasi zugebaut worden war, entdeckte man in dem ehemaligen Hausmeisterraum eine Renaissance-Balkendecke, die heute das Bürgerbüro und die Poststelle ziert. Glas-Stahl-Trennwände wurden dabei von den Architekten unter das Gewölbe gesetzt. Ein durchgängiges Gestaltungsmerkmal: Überall dort, wo keine historischen Bauteile mehr nachweisbar bzw. auffindbar waren, aber auch dort, wo sie einer modernen Nutzung des Gebäudes entgegengestanden hätten, entwickelten Baarß+Löschner eine nicht historisierende, zeitgemäße Formensprache, die im Dialog mit originalen spätgotischen Bauteilen steht. Glas und Stahl sind Gestaltungsmaterialien, die in deutlichen Kontrast zu den historischen Baustoffen Sandstein, Bruchstein und Holzbalken treten. So wurden beispielsweise die hofseitigen Fenster des großen Saales nicht in ihrem historischen Zustand wieder hergestellt. Vielmehr entschied man sich, um den Saal besser zu belichten, die Abmessungen der erst in den 30er Jahren eingebauten Fenster beizubehalten und diese durch moderne Stahlfenster zu ersetzen. Die breiten Fensteröffnungen werden durch vertikal eingestellte Stahlgewände gegliedert.
In konzentrierter Form artikuliert sich das Weiterbauen am Denkmal in dem vollständig verglasten Funktionstreppenhaus mit Stahltreppen und Glasaufzug, das sich an der funktionell richtigen Stelle, an der Kante des L-förmigen Gebäudes befindet, ohne dabei denkmalpflegerisch wertvolle Substanz zu zerstören. Einen deutlich modernen Akzent setzt auch der gläserne Evakuierungsturm.



Die Operation ist gelungen: Inzwischen erstrahlt das Meißener Rathaus in altem Glanz und mit neuen, der zeitgenössischen Architektursprache entlehnten Elementen. Auch das imposante Dach, ein Meisterwerk spätgotischer Zimmermannskunst, konnte komplett saniert werden; der Ausbau der Büros ist abgeschlossen. Ein weiteres gelungenes Sanierungsprojekt von Baarß+Löschner, die mit einiger Erfahrung und Kompetenz auf diesem Gebiet aufwarten können.

Als sie mit dem Projekt begannen, machten Baarß+Löschner ihre Entwürfe noch per Hand; ARCHICAD® wurde im Radebeuler Büro erst 1999 eingeführt. »Eine Entscheidung, die wir niemals bereut haben,« sagt Jörg Baarß. »Zwar war es recht zeitaufwändig – und das während eines laufenden Projektes – alle Daten in ARCHICAD einzugeben, aber der Aufwand hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Vor allem bei Planungsänderungen hat sich ARCHICAD mit hoher Geschwindigkeit und großer Genauigkeit bewährt«, erinnert sich Baarß. Hilfreich war das Programm auch im Umgang mit den Spezifika eines historischen Gebäudes, in dem ja nicht alles gerade und rechtwinklig ist. Größte Passgenauigkeit der Schnitte und Grundrisslinien eines schiefwinkligen Gebäudes zu erreichen, das heißt ein verformungsgerechtes Aufmaß zu erstellen, mit ARCHICAD war das überhaupt kein Problem.

Das Architekturbüro Baarß+Löschner wird betreut
von unserem Partner:
digital electronic kühn GmbH
Jens Kühn
E-Mail: jk@digitalelelctronic.de

München, Oktober 2005

Fotos: Baarß+Löschner
Text: Angelika Keitsch

Text: Angelika Keitsch
Layout: FORM+ZEICHEN

www.graphisoft.de I www.graphisoft.at

Baarss + Löschner Architekten BDA
Rietzschkegrund 25a I 01445 Radebeul
www.baarss-loeschner.de

PDF Download als PDF »


GRAPHISOFT is part of the Nemetschek Group